Der Name “Kombucha” - Eine Ergänzung
Günther Frank

Lieber Herr Dünßer,
Sie schrieben:

(Start Quotierung Elmar Dünßer)
Die Geschichte von dem koreanischen Doktor Mr. "Kombu" zusammen mit der unsinnigen Jahresangabe 414 BC (!, Kaiser Ingyô [das o mit Zirkumflex] regierte von 412-453 NACH Christus) können Sie in der Internetseite http://www.terminal.cz/~blackice/digissue1/features/kombucha.html nachlesen, zusammen mit der mich schon verärgernden Übersetzung von "Marine Alga" (Brasilianisch) für den (falschen) Kombucha!!!
(Ende Quotierung Elmar Dünßer)

Die erwähnte Legende ist abgeschrieben von “Rosina Fasching: Teepilz Kombucha“, Seite 13, Originalzitat:

“Die Medizingeschichte weiß von einem koreanischen Mediziner namens Kombu zu berichten, der nach Japan gerufen wurde, um dort Kaiser Ingyô zu behandeln. Das Jahr 414 (Anmerkung Günther Frank: im Original steht weder v.Chr. noch nach Chr, also korrekt 414 nach unserer Zeitrechnung) dürfte dann auch als der Zeitpunkt angenommen werden, als der 'Tsche des Kombucha' nach Japan gelangte”. In der von Ihnen gefundenen Quelle also falsch abgeschrieben.

Dieser mysteriöse Kombu war also demnach kein Japaner, so daß Ihre Folgerung "Der Name kombu wurde in Japan nie als Personen- oder Familienname gebraucht" hier nicht schlüssig ist. Er war demnach ein Ausländer, aus einem Land, in dem der Name Kombu gebräuchlich hätte sein können. Ob der Arzt Kombu tatsächlich lebte oder es sich nur um eine Legende handelt, das weiß ich nicht. Frau Fasching gibt keine Quellen für diese Aussage an. Sie schrieb mal, daß sie viele dieser Dinge mündlich von ihrem Onkel, Dr. Sklenar, erfahren habe.


Nachtrag am 01. Oktober 1998:
Gestern würde ich in der Stadtbücherei Pforzheim fündig:
SOURNIA, J. C. und Mitarbeiter: Illustrierte Geschichte der Medizin in 9 Bänden, Band 2, Verlag Andreas & Andreas, Salzburg 1980, Seiten 655-656 (Kapitel "Die japanische Medizin" von Alain Briot) :

“In der Tat verfügte Japan erst etwa im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung über eine elaborierte Medizin. Da es bis zu dieser Zeit kein Schriftsystem besaß, nahm es - mit mehr oder weniger Glück - die chinesische Schrift an. Gewöhnlich datieren wir die offizielle Einführung der kontinentalen Medizin auf das Jahr 414 unserer Zeitrechnung, als nämlich der koreanische Mediziner Kombu aus dem Königreich Sylla mit dem Auftrag in Japan eintraf, den Kaiser Inkyo zu behandeln. ” Da haben wir ihn, den mysteriösen Arzt namens Kombu!

(Start Quotierung Elmar Dünßer)
Da es nun mal seit langem in Japan einen Kombucha gibt, der auch an anderen Stellen der Welt bekannt ist, und der osteuropäisch-asiatische(?) Teepilz im Grunde auch ein davon getrenntes Leben verdient, würden Sie es nicht für angebracht halten, einen eindeutigen Namen zu verwenden? Z.B. "Teepilz", von mir aus auch "japanischer Teepilz", oder "falscher Kombucha", "Teepilz-Kombucha", "Kombuchu" oder dergleichen?
(Ende Quotierung Elmar Dünßer)

Ich war über Ihre Hypothesen nicht frustriert, sondern habe Ihre gründliche Ausarbeitung mit großem Interesse studiert und Neues dazugelernt. Ich hoffe, daß auch Sie nicht frustriert sind, wenn ich ein paar Gedanke erwidere, die mit den ihren möglicherweise nicht übereinstimmen.

Die Bezeichnung "Kombucha" für das Teepilzgetränk ist irgendwann entstanden. Wie ich Ihnen schrieb, habe ich diese Bezeichnung schon in Literaturquellen aus den zwanziger Jahren gefunden. Wer die Bezeichnung erschaffen hat, konnten Sie und ich und niemand bisher eindeutig klären. Ich glaube nicht, daß ein cleverer Geschäftsmann mit einer kreativen Promotion-Abteilung, die einen phantasievollen Namen suchte, dahinter standen, denn damals wurde Kombucha noch nicht kommerziell vermarktet.

Der Name hat sich aus uns bisher unbekannten Quellen im Volk gebildet und verankert. So wie es mit anderen Worten auch geschieht. Nehmen Sie zum Beispiel das englische Wort "hoover". Das war/ist der Name einer Firma, die Staubsauger herstellt. Inzwischen ist "hoover" die englische für Staubsauger aller Marken. Ebenso ist es mit "Xerox", "Tempo" usw., d.h. eine Sprache lebt, ändert sich, bildet sich aus dem Volk: Sprachschöpfung

Mit welchem Recht übertragt eine Autofirma den Namen eines wilden Tieres auf ihren Sportwagen "Jaguar"? Genausogut können wir doch den Namen des japanischen Riementang-Tees auf den Teepilz transferieren. Wobei in diesem Fall im Gegensatz zum "Jaguar" gar nicht feststeht, ob es überhaupt ein Namenstransfer ist, sondern nur, daß es zwei Dinge gibt, die Kombucha heißen. Jeder der Bezeichnungen wird in verschiedenen Ländern und Sprachen verwendet und beschreibt Unterschiedliches. In Japan ist Kombucha der Riementang-Tee, in Deutschland der Teepilz. Es ist kein Einzelfall, daß die gleichen Worte in verschiedenen Ländern unterschiedliche Bedeutungen haben. Beispiele: Gymnasium (im Englischen Turnhalle), marmalade (im Englischen nur Orangenmarmelade), Mist (engl. Nebel) usw.

Ja, selbst im Englischen bezeichnen die selben Worte unterschiedlich Dinge, je nachdem, ob sie ein Engländer oder ein Amerikaner verwendet.

Es ist auch nicht ungewöhnlich, daß ein Wort in der selben Sprache zwei oder gar mehr Bedeutungen hat. Im Englischen finden Sie dafür viele Beispiele. Beispiel: date = Dattel oder Verabredung oder Datum. Oder ein deutsches Wort wird für zwei verschiedene Dinge verwendet, für die der Engländer unterschiedliche Bezeichnungen hat. Beispiel: Himmel = sky und heaven.

Wir halten hier eine wissenschaftliche Diskussion ab und theoretisieren hier, weil ein japanisches Wort und ein deutsches Wort zwei unterschiedliche Dinge bezeichnen. "Streiten" wir uns hier nicht um des Kaisers Bart?

Ich habe ein paar passende Zitate zu diesem Thema gefunden (die sich natürlich teilweise widersprechen, wie dies bei Zitaten eben oft ist):

Name ist Schall und Rauch.
(Goethe, Faust)

Namen haben einen großem Einfluß auf die Vorstellung der Menschen.
(Goethe, Theatral. Sendung)

Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?
(Goethe, Faust I)

If names are not correct, language will not be in accordance with the truth of things.
(Confucius)

With a knowledge of the name comes a distincter recognition and knowledge of the thing.
(Henry David Thoreau)

Die Bezeichnung "Teepilz" oder "Teepilz-Kombucha" ist natürlich eine Unterscheidung zum Riementang-Tee, wissenschaftlich allerdings auch nicht korrekt. Denn Kombucha ist kein Pilz, obwohl sich auch die Bezeichnung "Teepilz" fälschlicherweise im Volk eingebürgert hat. Die Amerikaner wiederum haben das als "mushroom" übersetzt, obwohl mushroom im Englischen eine andere Bedeutung hat, nämlich nur die Pilze mit Hut bezeichnet. Das englische Wort "fungus" wiederum, eine andere Übersetzungsmöglichkeit, weckt bei Engländern falsche Assoziationen zu Schimmel und anderen unappetitlichen Pilzen. Ich habe mit meiner Übersetzerin von der Cambridge University in England lange darüber korrespondiert, wie Teepilz zu übersetzen sei, und wir entschieden uns schließlich für das neutralere "culture".

In Wirklichkeit ist der Teepilz Kombucha nach heutiger Definition kein Pilz, sondern eine Symbiose. Eine Symbiose im weiteren Sinne, weil sich die Symbionten gegenseitig fördern. Im engeren Sinne wiederum nicht, weil jeder Partner auch ohne den anderen überleben kann. Die richtige Bezeichnung wäre Kommunalismus.

Die Hefen sind Pilze. Die Bakterien wurden früher auch als Spaltpilze bezeichnet, also auch zur Pilzfamilie gerechnet. Nach früherer Definition wäre die Bezeichnung für ein Zusammenleben verschiedener Pilze also gerechtfertigt gewesen, nach heutiger Ordnung nicht mehr.

Trotz dieser an sich nicht richtigen Aussage, hält es der Mikrobiologe Prof. Dr. Stahl vom Institut für Mikrobiologie an der Technischen Universität für Berlin für unbedenklich, die Bezeichnung "Teepilz" zu verwenden. Man bezeichnet ja auch die Walnuß als Nuß, obwohl sie eine Steinfrucht darstellt. Oder die Himbeere als Beere, obwohl sie eine Steinsammelfrucht ist.

Ganz sicher falsch ist es, den Teepilz als Flechte zu bezeichnen. Eine Flechte ist eine Lebensgemeinschaft von Algen und Pilzen und benötigt zu der bei Algen typischen Photosynthese zum Aufbau des Chlorophylls Licht als Energiequelle. Die Kombucha dagegen gedeiht auch bei Dunkelheit, eben weil sie keine die für Flechten typische Algenkomponente enthält. Trotzdem wird Kombucha immer wieder als Flechte bezeichnet. Ein Autor hatte das einmal vor Jahren in einem Zeitschriftenartikel behauptet - und alle schreiben es ab.

Das Abschreiben ist bei Kombucha-Publikationen ohnehin stark verbreitet. So verhält es sich auch bei der von Ihnen gefundenen Bezeichnung "marine alga". Das ist aus meinem Buch entnommen, wo ich in der deutschen Originalfassung die "Meeresalge" erwähne. Anscheinend hat jemand die Bedeutung meines Textes jedoch mißverstanden.

Ich veröffentlichte in meinem Buch auch eine Anleitung, die aus Brasilien stammt. Es wird in dieser brasilianischen Anleitung von der "Meeres-Alge" gesprochen. Aufgrund der weiteren Beschreibung handelt es sich jedoch vermutlich um den Teepilz, dem irrtümlich oft - wie oben erwähnt - auch Algen-Bestandteile unterstellt werden. Prof Xavier Filho von der Universität von Paraibo in Joao Pessoa/Brasilien berichtete mir, daß in Brasilien der Teepilz zur Herstellung eines Heilmittels in Mate-Tee angesetzt wird und auch "Alga" genannt wird. Ich schickte an Prof. Filho einen Kombucha-Teepilz. Er bestätigte mir daraufhin, daß die brasilianische "Alga" mit dem Kombucha-Teepilz identisch ist. Ein weiterer dafür in Brasilien verwendeter Name ist "Auricularia delicatia". Zu dieser Familie der Auriculariaceä gehört übrigens auch der in Deutschland wachsende Pilz "Judasohr" oder Gezonter Ohrlappenpilz genannt (Hirneola auricula-judae). Er wächst an Bäumen und ähnelt tatsächlich einem Ohr.

Wir sehen: Eine Sprache bildet sich im Volk. Die Bezeichnung "Kombucha" hat sich im Volk eindeutig seit Jahrzehnten eingebürgert. Es ist natürlich denkbar, die geschraubt klingende Bezeichnung "falscher Kombucha" oder um der Unterscheidung von dem japanischen Riementang-Tee willen die künstliche Wortschöpfung "Kombuchu" zu verwenden. Aber das wäre eine Vergewaltigung der Sprache des Volkes. Mit dem gleichen Argument könnten wir die Walnuß künftig korrekterweise Walsteinfrucht nennen oder die Himbeere Himfrucht, den Schraubenzieher als Schraubendreher bezeichnen usw.

Es ist meines Erachtens weder realisierbar noch erforderlich, jetzt statt des seit jeher bekannten und gebräuchlichen Namens "Kombucha" einen Kunstnamen wie "Kombuchu" oder was auch immer einzuführen, nur um mit Gewalt eine Unterscheidung zum japanischen Wort für Riementang-Tee zu erzwingen. Das Volk nennt den "Symbiont Schizosaccharomyces Pombe - Bacterium xylinum" (eine andere Möglichkeit, diesen Namen nennt Bing 1929 als wissenschaftlichen Namen) oder die "Medusomyces Gisevii" (wäre das besser?) weiterhin "Kombucha", aus welchem Grund auch immer. Da ändern Sie nichts und ich nichts, und ich will es auch gar nicht. Denn: Alle Gewalt geht vom Volke aus, auch die Freiheit, den Teepilz "Kombucha" zu nennen ;-). Wie sagt Lord George S. Halifax? “A man that should call everything by its right name, would hardly pass the streets without being knocked down as a common enemy.” So, take care ;-)

Herzliche Grüße und Dank für den fruchtbaren Gedankenaustausch!
Günther Frank


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